Die übersehene Gewalt in den Familien Teil 2 : „Die nimmt jetzt so richtig Rache an mir …“

„Die nimmt jetzt so richtig Rache an mir“, erzählt ein pflegender Angehöriger mit leiser, zittriger Stimme, in der neben Traurigkeit auch unterdrückter Zorn mitklingt. „So empfinde ich das, glauben Sie mir!“ Die beiden Ehepartner haben sich versprochen, dass sie im Alter die Pflege füreinander, so gut sie können, übernehmen wollen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Frau pflegen will. Aber er leidet unter alten Beziehungsmustern mit umgekehrten Vorzeichen. Weiter lesen

Auch bösartige Menschen werden alt – was tun? Teil 1: Warum Roheit?

Wir Menschen haben alle die grundsätzliche Fähigkeit des Mitgefühls. Wir können uns in das Leiden anderer Menschen hineinversetzen. Wir sind so in der Lage, deren Schmerz zu spüren. In bildgebenden Verfahren haben Neurobiolog/innen zeigen können, dass dabei spezialisierte neuronale Systeme im Gehirn aktiv sind. Die Teilsysteme im Gehirn, die das Mitgefühl ermöglichen, werden Spiegelneuronen genannt.

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Die übersehene Gewalt in den Familien Teil 1: Der Machtkampf und die Erniedrigung: „… du musst das für mich tun.“

Wenn pflegebedürftige Menschen in ihren Familien aggressiv oder sogar gewalttätig werden, dann werden solche Erfahrungen von den Angehörigen oft als besonders schmerzlich, kränkend und verletzend erlebt. Dieses besondere Ausmaß liegt sozusagen in der „Natur“ der Familienbindungen. Die lange gemeinsame Lebensgeschichte birgt in sich die große Chance, die Abschiedsphase eines gemeinsamen Lebens im liebevollen Miteinander geborgenen und würdigend zu verbringen. Und die besondere Nähe und Vertrautheit macht die Verletzlichkeit besonders groß und den seelischen Schmerz und die Kränkung besonders tief.

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Demenz Code Teil 1: Erst die Sinne, dann die Resonanz, dann die Worte

Wegen vieler Nachfragen veröffentlichen wir hier einzelne Elemente des „Demenz-Codes“ von Udo Baer, einem Schlüssel zum Verständnis von Menschen mit Demenz.

Frau F. wiederholt einen Satz, immer wieder und kaum verständlich. Die Pflegekraft versucht, genau hinzuhören, und versteht: „Die Milch ist angebrannt.“ Mit dem Satz kann die Pflegerin nichts anfangen. Sie versteht nicht, was er bedeuten könnte. Doch sie nimmt die Sinnesäußerungen von Frau F. wahr: Deren Augen flackern hin und her, der Klang des Satzes ist scheu und ängstlich, die rechte Hand bewegt sich fahrig und zitternd auf dem Oberschenkel hin und her.

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Validation und leiborientierte Arbeit mit Gefühlen Teil 2

Leiborientierter Umgang mit Gefühlen nach dem SMEI-Konzept geht in folgenden Punkten über die Validation hinaus:

  • Wir reagieren nicht nur auf die sichtbaren Gefühle, sondern identifizieren den emotionalen Subtext von Gefühlen bzw. Verhalten demenzkranker Menschen.  Wir gehen davon aus, dass nur eine Reaktion, die sich auch auf den Subtext bezieht, Kontakt schafft und Veränderungen bewirkt. Wenn ein alter Mann aggressiv über das Essen schimpft, dann ist es notwendig, nicht nur auf das aggressive Gefühl zu reagieren, sondern auch auf die in diesem Fall zugrunde liegende Hilflosigkeit, dass er heute nicht selbst sein Brot schmieren kann. Nur wenn wir auch auf die Hilflosigkeit reagieren, können wir Begegnung schaffen und helfen.

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G20: Macht die Fernseher aus!

Ich schreibe dies am Vormittag des 8.7. angesichts der Gewaltbilder aus Hamburg. Dass es viel zu protestieren gibt, teile ich. Dass die Gewalt gegen die Polizei, gegen die Autos und Fahrräder der Anwohner, gegen die Drogerien und Supermärkte, die geplündert wurden, menschenverachtend ist, damit werde ich mich mit fast allen, die dies lesen, einig sein.

Mich treibt um, dass auf den meisten Gewaltbildern, die im Internet zu sehen sind, im Hintergrund und an den Seiten Reporter und Fotografen zu sehen sind. Die Gwalttäter schimpfen auf die Medien und gleichzeitig wollen sie in die Medien und die friedlichen Proteste überdecken. Und die Medien bieten ihnen die Bühne dafür. Das ist ärgerlich. Das ist widerlich. Das möchte ich nicht sehen, weder im Fernsehen noch im Internet.

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Validation und leiborientierte Arbeit mit Gefühlen Teil 1

Die Validation wurde von Naomi Feil begründet. Ihr großer und bleibender Verdienst besteht darin, dass sie die Würdigung der Gefühle in der Altenhilfe und v. a. in der Arbeit mit Menschen mit Demenz thematisierte. Ihr fiel auf, dass das Gedächtnistraining, das damals als einzige Hilfe für Demenzkranke praktiziert wurde, an deren Gefühlen vorbei geht und sogar noch die Scham und Unsicherheit verstärken kann, indem es die Beteiligten immer wieder mit ihren Unzulänglichkeiten konfrontiert.

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Angehörigenarbeit Teil 6: Grenzen setzen gegen Entwürdigung

Wie schon beschrieben wird Angehörigen alter Menschen, die möglicherweise in eine Einrichtung einziehen, viel Aufmerksamkeit während des Entscheidungsprozesses geschenkt. Wenn die alten Menschen dann zu Bewohner/innen geworden sind, erlischt oft das Interesse aus Zeitgründen und aufgrund einer kurzsichtigen Haltung. Denn die Angehörigen sind nicht nur Kunden, die darüber entscheiden, ob ihr Vater oder ihre Partnerin in ein Heim einzieht. Sie bleiben Kunden auch während der Aufenthaltsdauer in der Einrichtung. Und was an Kosten in der Betreuung und Begleitung von Angehörigen gespart wird, muss an anderer Stelle aufgewendet werden.

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Angehörigenarbeit Teil 5: Die Triangel

Wenn zwei Menschen sich unmittelbar auseinandersetzen, kann dies zu Konflikten oder zu Stillstand führen. Wie bei vielen Konflikten zwischen Angehörigen und Pflegenden wiederholen sich Vorwürfe, wiederholen sich Verletzungen, wiederholen sich sogar ganze Sätze und Worte. Wenn beide Seiten sich aber einem Dritten zuwenden und gemeinsam etwas tun, entsteht ein Dreieck, entsteht eine Triangel und beide Seiten können durch das gemeinsame Handeln anders als zuvor miteinander kommunizieren. Dieser Ansatz kann in der Begleitung mancher Angehöriger erfolgreich eingesetzt werden.

Ein Beispiel:

In einer Einrichtung wird eine Ausstellung vorbereitet mit dem Titel „Frauen dreier Generationen“. Es werden Fotos ausgesucht, die gerahmt und gezeigt werden sollen. Angestrebt ist, jeweils ein Foto einer Bewohnerin und ein Foto von deren Tochter und, wenn möglich, ein Foto von einer Enkelin zu finden und nebeneinander zu zeigen. Die Ausstellung wird schließlich ein großer Erfolg und man sieht in der Reihe der Fotos Ähnlichkeiten, Zusammenhänge, Unterschiede. Die Ausstellung stößt auf großes Interesse – in den Medien, bei den Bewohnern und Bewohnerinnen und auch bei den Angehörigen.

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Angehörigenarbeit Teil 4: Der Anfang

In vielen Einrichtungen der stationären Altenhilfe sind die Angehörigen wichtig, denn sie sind Kunden und entscheiden darüber, ob alte Menschen als Gäste in ein Heim kommen. Da gibt es besondere Termine, Gespräche mit Heim- oder Pflegedienstleitung, Hausführungen und andere Bemühungen. Da fällt die Entscheidung über die Heimunterbringung, die neue Bewohnerin oder neue Bewohner erhält einen freundlichen Empfang – und dann pausiert meistens die Beschäftigung mit den Angehörigen. Sie erhalten vielleicht noch einen Fragebogen zur Biografie der Bewohnerin, des Bewohners, der die pflege erleichtern soll. Doch das ist es. Die Beziehungsqualitäten zwischen den neuen Bewohner/innen und den Partner/innen oder Kindern bleiben außen vor. Doch sie zeigen sich, sie machen sich in Störungen und Dramen bemerkbar, wie die obigen Beispiele und viele andere zeigen.

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