Angehörigenarbeit Teil 5: Die Triangel

Wenn zwei Menschen sich unmittelbar auseinandersetzen, kann dies zu Konflikten oder zu Stillstand führen. Wie bei vielen Konflikten zwischen Angehörigen und Pflegenden wiederholen sich Vorwürfe, wiederholen sich Verletzungen, wiederholen sich sogar ganze Sätze und Worte. Wenn beide Seiten sich aber einem Dritten zuwenden und gemeinsam etwas tun, entsteht ein Dreieck, entsteht eine Triangel und beide Seiten können durch das gemeinsame Handeln anders als zuvor miteinander kommunizieren. Dieser Ansatz kann in der Begleitung mancher Angehöriger erfolgreich eingesetzt werden.

Ein Beispiel:

In einer Einrichtung wird eine Ausstellung vorbereitet mit dem Titel „Frauen dreier Generationen“. Es werden Fotos ausgesucht, die gerahmt und gezeigt werden sollen. Angestrebt ist, jeweils ein Foto einer Bewohnerin und ein Foto von deren Tochter und, wenn möglich, ein Foto von einer Enkelin zu finden und nebeneinander zu zeigen. Die Ausstellung wird schließlich ein großer Erfolg und man sieht in der Reihe der Fotos Ähnlichkeiten, Zusammenhänge, Unterschiede. Die Ausstellung stößt auf großes Interesse – in den Medien, bei den Bewohnern und Bewohnerinnen und auch bei den Angehörigen.

Entscheidend aber ist der Prozess, der zu der Ausstellung geführt hat. Den angehörigen Frauen wurde gesagt, dass die Ausstellung nur mit ihnen gemeinsam entstehen kann. Ihnen wurde die Absicht der Ausstellung erklärt, dass nämlich die Biographien der Frauen und die Entwicklung der Identität durch die Generationen hinweg sichtbar werden soll und damit die Frauen in der Einrichtung gestärkt werden sollten. Manche Frauen verweigerten die Mitarbeit, aus zeitlichen oder anderen Gründen, doch viele machten mit. Sie suchten gemeinsam mit ihren Müttern nach Fotos, durchforsteten Fotoalben, wählten aus, entschieden, lachten dabei und weinten, trauerten und gingen ihrer Neugier nach. Schon dieser Prozess führte dazu, dass die Beziehungen zwischen den angehörigen Frauen und ihren Müttern sich deutlich verbesserten, was auch die Pflege entlastete. Vor allem aber gab es Treffen zwischen den angehörigen Frauen, Mitarbeiter/innen des sozialen Dienstes und Pfleger/innen, die gemeinsam die Ausstellung vorbereiteten und herrichteten. Diese gemeinsame Arbeit schuf einen neuen Boden zwischen vielen Angehörigen und den Mitarbeiter/innen der Einrichtung. Die Ausstrahlung war so groß, dass auch Angehörige, die am Anfang nicht mitwirken wollten, sich beteiligten. Manche der männlichen Bewohner und der männlichen Angehörigen wurden eifersüchtig auf die Aktivitäten der Frauen und erreichten, dass ein neues Projekt in Angriff genommen wurde: Väter und Söhne …

Manche Bewohner und Bewohnerinnen können an solchen Aktivitäten nicht teilnehmen, weil sie dazu geistig und körperlich nicht mehr in der Lage sind, und auch manche Angehörige nicht, weil sie beruflich und familiär zu sehr eingespannt sind. Doch einen Versuch sind solche und ähnliche Aktivitäten immer wert. Für andere Menschen können andere, niedrigschwelligere Angebote ausprobiert werden. Gute Erfahrungen wurden zum Beispiel mit gemeinsamen Schminkaktivitäten gemacht (Angehörige und Pflegende schminkten die Bewohnerinnen), mit Basaren, mit gemeinsamen Aktivitäten zu Weihnachten und ähnlichem mehr. Entscheidend ist, dass die Aktivitäten sinnvoll sind, bloß Bastelkreise reichen nicht, werden nicht angenommen. Entscheidend ist ferner, dass diese Aktivitäten nicht nur von Mitarbeiterinnen des sozialen Dienstes durchgeführt werden, sondern auch Pflegekräfte im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten einbezogen werden.

Die Triangel wirkt.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut (AKL), Mitbegründer und Geschäftsführer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP).

Ein Kommentar zu “Angehörigenarbeit Teil 5: Die Triangel

  1. Das ist eine wirklich sehr schöne Idee, die es wert ist geteilt zu werden.
    Ich denke, es ist auch wichtig, auf das grundsätzliche Kommunikationsproblem aufmerksam zu machen. Pflege ist ja nie einfach, egal ob stationär oder ambulant.

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