Auch bösartige Menschen werden alt – was tun? Teil 2: Atmosphären der Gewalt und Rohheit

Oft mündet die Gefühllosigkeit in offene Gewalt, manchmal schafft sie eine Beziehungsatmosphäre, die von anderen als gewalttätig empfunden wird:

Beim Einzug einer alten Frau ins Pflegeheim sind der begleitenden Schwiegertochter sowohl die Anstrengungen als auch die Erleichterung förmlich ins Gesicht geschrieben.

Sie sei „mit den Nerven am Ende“ und halte das ständige Tyrannisieren nun nicht mehr aus. „So geht das schon mein ganzes Leben. Vom ersten Tag unseres Kennenlernens hat meine Schwiegermutter mich schikaniert. Nichts, aber auch rein gar nichts konnte ich ihr recht machen. Verzeihen Sie, aber ich habe sie heimlich immer “alte Hexe” genannt. Jetzt sieht es auch mein Mann ein: Sie hat unsere Ehe immer belastet. Ich kann nicht mehr … wir müssen Mutter abgeben.“ Und sie erzählt, dass sie nie ein Wort der Anerkennung erhalten hat. “Selbst als ich selber krank war, wurde ich herumkommandiert. Ich war ihr völlig egal.” Und dann, mit leiser Stimme und der Pflegerin zugewandt: “Passen Sie auf! Die ist nämlich böse!”

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Die übersehene Gewalt in den Familien Teil 3: Ungleichbehandlung: „Ich war immer schon das Aschenputtel …“

„…Eine andere Tochter berichtet, dass sie auf ihre Berufstätigkeit verzichtet habe, um ihre Mutter liebevoll pflegen zu können. Ihre Familie sei zusammengerückt, um Platz für die Mutter und Großmutter zu haben. „Das haben wir gerne getan. Das war irgendwie selbstverständlich für uns. Aber nun … Meine Mutter nimmt alles so selbstverständlich, niemals ein Dank, selten ein Lächeln. Aber wehe, wenn meine Schwester kommt, einmal jährlich. Dann ist große Aufregung. Dann muss ich alles vorbereiten, einkaufen, kochen, damit es meiner Schwester gut hat. Das verlangt meine Mutter mit unglaublicher Härte von mir. Sie dankt meiner Schwester überschwänglich für jede Kleinigkeit: dass sie den Tisch abräumt, überhaupt, dass sie den weiten Weg kommt usw. usw. Ich bin dann noch mehr Dienstmädchen als sonst. Meine Familie ist dann richtig sauer mit mir, dass ich das mit mir machen lasse. – Ich habe mir jetzt mal vorgenommen, meiner Schwester wenigstens zu sagen, wie es ist. Vielleicht bekomme ich wenigstens von ihr dann nicht mehr nur weiter gute Ratschläge aus der Entfernung, sondern mal ein bisschen Anerkennung für meine Leistung. Ich brauche das, sonst komme ich bald um vor Neid und Missgunst – die ich doch gar nicht haben will.“

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Für eine Kultur der Gewaltlosigkeit Teil 1: Solidarität und Achtsamkeit

Menschen, die unter Aggressivität und Gewalttätigkeit leiden oder von ihr bedroht sind, brauchen Solidarität. Alleinsein produziert Hilflosigkeit und kann sie verewigen. Was heißt Solidarität mit Pflegenden? Sie muss mehr sein als eine Proklamation oder ein Satz in Leitbildern einer Einrichtung. Sie muss tätige Unterstützung beinhalten und die Atmosphäre bestimmen.

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Die übersehene Gewalt in den Familien Teil 2 : „Die nimmt jetzt so richtig Rache an mir …“

„Die nimmt jetzt so richtig Rache an mir“, erzählt ein pflegender Angehöriger mit leiser, zittriger Stimme, in der neben Traurigkeit auch unterdrückter Zorn mitklingt. „So empfinde ich das, glauben Sie mir!“ Die beiden Ehepartner haben sich versprochen, dass sie im Alter die Pflege füreinander, so gut sie können, übernehmen wollen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Frau pflegen will. Aber er leidet unter alten Beziehungsmustern mit umgekehrten Vorzeichen. Weiter lesen

Auch bösartige Menschen werden alt – was tun? Teil 1: Warum Roheit?

Wir Menschen haben alle die grundsätzliche Fähigkeit des Mitgefühls. Wir können uns in das Leiden anderer Menschen hineinversetzen. Wir sind so in der Lage, deren Schmerz zu spüren. In bildgebenden Verfahren haben Neurobiolog/innen zeigen können, dass dabei spezialisierte neuronale Systeme im Gehirn aktiv sind. Die Teilsysteme im Gehirn, die das Mitgefühl ermöglichen, werden Spiegelneuronen genannt.

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Die übersehene Gewalt in den Familien Teil 1: Der Machtkampf und die Erniedrigung: „… du musst das für mich tun.“

Wenn pflegebedürftige Menschen in ihren Familien aggressiv oder sogar gewalttätig werden, dann werden solche Erfahrungen von den Angehörigen oft als besonders schmerzlich, kränkend und verletzend erlebt. Dieses besondere Ausmaß liegt sozusagen in der „Natur“ der Familienbindungen. Die lange gemeinsame Lebensgeschichte birgt in sich die große Chance, die Abschiedsphase eines gemeinsamen Lebens im liebevollen Miteinander geborgenen und würdigend zu verbringen. Und die besondere Nähe und Vertrautheit macht die Verletzlichkeit besonders groß und den seelischen Schmerz und die Kränkung besonders tief.

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Wenn Patienten aggressiv werden

Verhält sich ein Patient aggressiv oder gewalttätig, ist es zunächst wichtig, zu unterscheiden, aus welchen gründen er so agiert. Ursache ist bei den meisten Menschen Überforderung oder Angst angesichts einer lebensbedrohlichen, chronischen Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit. Die Erregung wächst und die innere Spannung steigt, die sich in aggressiven Impulsen entladen kann. Zumeist erschrecken solche Menschen über sich selbst und über ihr Verhalten, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Aber es gibt auch Menschen, die „verroht“ sind. Weiter lesen

Wenn Menschen mit Demenz gewalttätig werden – was tun?

Gewalt ist mehr als Aggressivität

Wenn Herr Müller sich über das Essen ärgert und Frau Seidel schimpft, dass sich „niemand“ um sie „kümmert“, dass sind das aggressive Äußerungen, die zeigen, dass diese Menschen mit dem, was ist, unzufrieden sind und etwas ändern, etwas „anders“ haben wollen. Das ist ihr gutes Recht und es gilt auch für Menschen mit Demenz, dass sie das Recht haben, sich zu ärgern. Weiter lesen