Demenz-Code Teil 4: Das Hier und Jetzt hinter den Erinnerungen

Wegen vieler Nachfragen veröffentlichen wir hier einzelne Elemente des „Demenz-Codes“ von Udo Baer, einem Schlüssel zum Verständnis von Menschen mit Demenz.

Wenn jemand mit Frau R. spricht, kommt unweigerlich der Satz: „Ich habe drei Männer überlebt.“ Und dann erzählt sie über ihren ersten Mann, der im Bergbau unter Tage gearbeitet hat und an einer Staublunge starb, über ihren Sohn, der früh bei einem Unfall gestorben ist, und über ihren zweiten Mann, der den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Manche anderen Bewohner/innen und auch manche Mitarbeiter/innen der Alteneinrichtung, in der Frau R. lebt, sind ein wenig genervt, dass immer wieder die alten Erinnerungen erzählt werden.

Die professionellen Begleiter/innen erklären das Erzählverhalten von Frau R. mit der Demenz, nämlich damit, dass sie vergisst, dies schon einmal erzählt zu haben. Doch wenn solche Erinnerungen sich so häufig wiederholen, dann haben Sie eine Bedeutung für die erzählende Person. Der Demenz-Code geht davon aus, dass diese Bedeutung im Hier und Jetzt Gewicht hat, also in der Gegenwart. Es geht also nicht um Biografiearbeit oder ähnliche Zugänge zu früheren Lebenserfahrungen von Frau R., sondern um ihr aktuelles Erleben.

Welche Bedeutung Wiederholungs-Geschichten wie die von Frau R. haben, kann man zumeist nur dadurch herausfinden, dass man Vermutungen äußert, die im Moment des Zuhörens in der begleitenden Person entstehen. Gegenüber Frau R. antwortete ein Sozialbetreuer einmal, als sie wieder von den drei Männern, die sie überlebt habe, erzählt hatte: „Na, da sind Sie bestimmt stolz!“ Und Frau R. strahlte: „Ja, mir geht es gut.“ Sie zog aus dem Überleben ihren starken Überlebenswillen. In einer anderen Situation wurde auch die Traurigkeit spürbar, die in den Erzählungen mitschwang. Als eine Begleiterin einmal fragte: „Sind Sie darüber traurig?“, antwortete Frau R.: „Ja, doch, sehr. Aber ich habe es geschafft. Mir geht es gut.“

Was hinter den Erinnerungen, die wiederholt erzählt werden, steckt, ist oft nicht eindeutig, sondern manchmal widersprüchlich. Manchmal ist die Bedeutung für das Hier und Jetzt auch nicht herauszufinden. Doch der Versuch lohnt sich immer, um die versteckte Sprache der Demenz besser zu verstehen.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und der Semnos-Fachschule für Heilpädagogik (hier ebenfalls Lehrer), Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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