Würde und Demenz, Teil 1: Gewürdigt zu werden, ist ein Menschenrecht.

 

 

 

Dass alten Menschen der Würdigung bedürfen und dass die Würde in der Altenhilfe ein hohes Gut ist, wird allerorten verkündet. Doch was heißt das konkret? Was beinhaltet es, Menschen mit demenziellen Erkrankungen zu würdigen? Vier kleine Anmerkungen seien erlaubt:

1.
Menschen mit Demenz zu würdigen, bedeutet, die Betonung auf „Menschen“ zu legen und nicht auf „Demenz“. Ja, die vielfältigen Erscheinungsformen demenzieller Erkrankungen müssen erkannt, verstanden und beachtet werden. Doch die erkrankten Menschen sind nicht nur „dement“. Ihr Menschsein erschöpft sich nicht darin, sondern ist weit mehr als das. Sie lachen und glauben, sie lieben und schimpfen, sie kuscheln und sehnen sich … Sie leben vielfältige Aspekte ihres Menschseins. Manche anders als die andern, manche verstörend, manche irritierend. Sie machen Mühe, ja, auch viele andere menschliche Begegnungen bedürfen der Achtsamkeit und Mühe.

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Agitiertheit, Teil 1: Was beunruhigt unruhige alte Menschen? Was können Pflegende tun?

 

 

Viele alte Menschen, die Sie pflegen oder anderweitig begleiten, sind unruhig. Diese Unruhe geht in ihrer Intensität über Nervosität und alltäglichen Bewegungsdrang hinaus. Die betroffenen Menschen werden deshalb als „agitiert“ bezeichnet. Dieses Agitiertsein lässt sich von den Betroffenen nicht einfach abstellen und führt dazu, dass die Betroffenen und auch deren Umgebung darunter leiden. Das betrifft Angehörige wie professionell Pflegende.

Zeigen kann sich diese Unruhe in unterschiedlicher Weise. Manche Menschen laufen auf und ab, sofern sie das noch können. Andere reden vor sich hin. Manche bewegen sich hospitalisierend vorwärts und rückwärts oder nach rechts und nach links.

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Der Diagnoseschock. Wie die Demenz-Diagnose Familienbeziehungen durcheinanderwirbelt und was dann helfen kann, Teil 7: Schuldgefühle

 

 

Wer krank ist, hat oft Schuldgefühle. Schuldgefühle sind häufig die große Schwester der Schamgefühle. Wer eine Demenz-Diagnose hört, hat häufig Schuldgefühle, anderen zur Last zu fallen. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass bei den Menschen Schuldgefühle und Schuld nicht immer zusammengehören. Es gibt viele Menschen, die schuldig sind, aber keine Schuldgefühle haben. Auf der anderen Seite gibt es die Schuldgefühle der Opfer, die sich schuldig fühlen, ohne Schuld zu haben.

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Auch bösartige Menschen werden alt – was tun? Teil 8: Männliche und weibliche Solidarität

 

 

Da meistens Frauen Adressatinnen von Rohheit und Gewalt sind, braucht es männliche Solidarität v. a. für die Opfer sexueller Übergriffe. Wenn ein alter Mensch einer weiblichen Pflegekraft sexuelle Gewalt angetan hat, dann verstehen wir unter professioneller Solidarität, dass ein männlicher Mitarbeiter seine Kollegin unterstützt, zu der gewalttätigen Person hingeht und sagt: „Das machen Sie nie mehr mit meiner Kollegin, nie mehr. Sonst bekommen Sie es mit mir zu tun.“

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Der Diagnoseschock. Wie die Demenz-Diagnose Familienbeziehungen durcheinanderwirbelt und was dann helfen kann, Teil 6: Die Scham

 

 

Wenn jemand die Demenz-Diagnose erfährt, ist es wünschenswert, dass das Familiensystem und die Freunde und Freundinnen helfen können und dürfen. Doch oft begegnen wir genau an dieser Stelle der Scham. Die Betroffenen schämen sich, dass sie an Demenz erkrankt sind – und reden deshalb nicht darüber. Familienangehörige schämen sich ihres oder ihrer Erkrankten und vor allem schämen sich viele Menschen, hilfsbedürftig zu sein. Sich helfen zu lassen, haben sie nicht gelernt, insbesondere diejenigen, die geprägt wurden durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre oder weil die Kinder der Kriegsgeneration sind und deren Verhaltensweisen übernommen haben. Dass man hilfsbedürftig ist, möchten viele von diesen Menschen nicht zeigen. Deswegen verweigern sie Hilfe und verschweigen ihre Erkrankung, so lange es geht, damit sie gar nicht in den Ruf der Hilfsbedürftigkeit geraten. Sie bleiben lieber hilflos, als ihre Scham zu akzeptieren und auszuhalten oder gar durch sie hindurchzugehen und zu lernen, Hilfe zu akzeptieren.

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Demenz-Code Teil 8: Die Sinnesbrücken

 

 

Dass Sinnesäußerungen als Teil des Demenz-Codes besondere Beachtung verdienen und oft mehr zum Verständnis beitragen als verbale Äußerungen, habe ich schon beschrieben. Doch ihre Bedeutung weist darüber hinaus: Sie zeigen uns mögliche Brücken der Begegnung. Schon im am Anfang des Kapitels genannten Beispiel war die fahrig umher tastende Hand der alten Dame nicht nur ein Zugang, um zu verstehen, was die Worte für das Verständnis nicht hergaben. Sie waren ein Indiz, worüber eine Begegnung mit der Frau möglich war: Die Begleiterin ergriff ihre Hand.

Solche Einladungen gibt es viele. Wenn Frau V. den Pfleger fortwährend starr anblickt, dann ist das ein Zeichen für ihn, dass er sich so setzen oder kauern sollte, dass er Frau V. auf gleicher Augenhöhe begegnen kann. Dann schauen sich beide ein wenig länger in die Augen, zehn, zwanzig Sekunden – das reicht. Frau V. fühlt sich über diese Sinnesbrücke gesehen und sie beginnt zu lächeln. Ein persönlicher Kontakt, eine Begegnung ist entstanden.

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Auch bösartige Menschen werden alt – was tun? Teil 7: Es gibt Grenzen

 

 

Wenn die Rohheit eines alten Menschen und seine Verachtung gegenüber Pflegenden Gewalttätigkeiten einschließlich sexueller Übergriffe hervorruft, dann bedarf es einer entschiedenen Haltung gegenüber diesen Menschen. Von Seiten der Leitenden müssen mit diesen Menschen Gespräche geführt werden, in denen nicht darüber diskutiert wird, ob das Verhalten überhaupt falsch war, sondern eindeutig vermittelt wird, dass ein solches Verhalten in dieser Einrichtung nicht geduldet wird und im Wiederholungsfall dazu führt, dass diese Menschen die Einrichtung verlassen müssen. Es gibt Einrichtungen für pflegebedürftige Täter, die dafür in Frage kommen. In ihnen werden unbelehrbare Menschen untergebracht.

Wer aus Rohheit gewalttätig wird, versteht in den meisten Fällen nur die Sprache des Drucks. Das ist bedauerlich und steht dem Selbstbild und dem Anspruch vieler Sozialarbeiter/innen und Pflegekräfte an die eigene Arbeit entgegen, doch es ist Realität.

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Der Diagnoseschock. Wie die Demenz-Diagnose Familienbeziehungen durcheinanderwirbelt und was dann helfen kann, Teil 5: Was ungelebt blieb

 

 

Die Diagnose Demenz wirft für die Betroffenen und für die Angehörigen die Frage auf: „Was wollen wir noch (gemeinsam) erleben?“ Jeder Mensch hat Träume, hat Vorhaben, was man „irgendwann noch machen möchte“. Die Demenz-Diagnose stellt all diese Träume und Vorhaben – ob ausgesprochen oder nicht – in Frage.

Es gilt dreierlei zu tun:

Erstens ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, welche Wünsche, Träume, Vorhaben vorhanden sind, welche ausgesprochen wurden oder vor allem diejenigen herauszufinden, die nicht ausgesprochen wurden. Es ist notwendig, dass sich die Familie zusammensetzt und darüber redet. Dabei wird sich zeigen, was in den Partnerschaften und auch in den Eltern-Kind-Beziehungen zu kurz gekommen ist, was ungelebt wurde.

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Für eine Kultur der Gewaltlosigkeit, Teil 6: Kein Pflegen mit Angst

 

 

Es gehört zu einer Haltung der Solidarität, dass keine Pflegekraft mit Angst pflegen muss. Wenn es pflegebedürftige alte Menschen in einer Einrichtung gibt, die gegenüber einer bestimmten Person aggressiv oder gewalttätig geworden sind, dann muss überlegt und mit der Pflegekraft gesprochen werden, ob sie weiter für die Pflege dieser Person zuständig sein will und kann oder ob dies jemand anders übernehmen sollte. Es gibt auch gewalttätige Menschen, die nur zu zweit gepflegt werden können. Dies ist ein erhöhter Aufwand, der selbstverständlich auch Kosten verursacht, doch lange Krankheitszeiten oder gar Kündigungen und die damit notwendigen Neueinstellungen und Einarbeitungen neuer Pflegekräfte kosten auch und in der Regel viel mehr.

Siehe auch das Buch von:

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer, Gitta Alandt: Wenn alte Menschen aggressiv werden Rat für Pflegende und Angehörige,                                                                                                     BELTZ Verlag, ISBN: 978-3-407-85986-0

Der Diagnoseschock. Wie die Demenz-Diagnose Familienbeziehungen durcheinanderwirbelt und was dann helfen kann Teil 4: Das schaffen wir alleine!

Eine häufige Reaktion auf die Demenz-Diagnose besteht bei Betroffenen wie Angehörigen in der Haltung: Das schaffen wir alleine. Unsere Antwort auf diese Reaktion ist: Nein! Das schaffen Sie nicht! Sie brauchen Hilfe!

Es ist unbedingt notwendig, eine gegenüber der Hilfe offene Haltung zu entwickeln. Dies bedeutet nicht nur, dass man Hilfe suchen und annehmen muss, sondern auch und vor allem, dass man dafür offen ist und das Gefühl der Hilfsbedürftigkeit zulässt. Das können viele Menschen nicht. Es ist notwendig, sich mit den eigenen Mustern der Hilfe und der Hilfevermeidung zu beschäftigen. Die Menschen sind dadurch geprägt, dass sie Hilfesuche vermeiden und Hilfsangebote ignorieren oder gar ablehnen. Für Frauen ordnen sich unter und verstärken ihre familiäre helfende Rolle noch, indem sie zum Beispiel ihren Partner oder ihren Vater oder Mutter begleiten und pflegen und dabei weitere Hilfsmöglichkeiten ignorieren. Viele Männer sind darauf gepolt, Stärke zu zeigen: „Ich kann das alleine!“ Oder: „Indianer kennen keinen Schmerz – und keine Demenz!“

Wer Hilfe annehmen kann, wird nach unseren Erfahrungen deutlich besser die Demenz bewältigen und mit ihr leben können als einzelne Personen und als Familie.