Agitiertheit, Teil 4: Agitiertheit bei Kriegstraumata

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Zwei Drittel der Menschen, die heute (2019) älter als 72 Jahre sind, haben in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit traumatische Erfahrungen erleiden müssen. Die Hälfte von ihnen mehrmals. Lange Zeit über viele Jahrzehnte wurden die Folgen solcher traumatischen Erfahrungen versteckt oder ins Unbewusste „weggedrückt“. Doch mit zunehmendem Alter, mit zunehmender Schwäche und Gebrechlichkeit, können solche Trauma-Folgen wieder lebendig werden. Sie zeigen sich häufig in Unruhe und Agitiertheit.

Frau Nissen kann kaum noch laufen, doch sie bewegt sich immer auf und ab. Sie läuft hier- und dorthin mit angestrengter Miene und konzentrierter Starre im Blick. Eine Mitarbeiterin fragt sie: „Wo wollen Sie denn hin?“ Sie schaut auf, hält kurz inne und geht dann weiter. Keine Antwort.

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Würde und Demenz, Teil 3: Das Herz ist nicht dement

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Dass alten Menschen der Würdigung bedürfen und dass die Würde in der Altenhilfe ein hohes Gut ist, wird allerorten verkündet. Doch was heißt das konkret? Was beinhaltet es, Menschen mit demenziellen Erkrankungen zu würdigen? Vier kleine Anmerkungen seien erlaubt:

3. Wer an einer demenziellen Erkrankung leidet, verliert nach und nach das Orientierungsvermögen und das Gedächtnis. Doch wir Menschen haben zwei Systeme des Erinnerns. Es gibt das kognitive oder explizite Gedächtnis, in dem wir Daten, Namen, Reihenfolgen und Ähnliches erinnern. Und es gibt das leibliche oder implizite Gedächtnis der Gefühle, der Sinne, der Begegnungen, der Bilder – das Gedächtnis des Herzens. Wir können zum Beispiel das Datum des Hochzeitstages vergessen und gleichzeitig in den sinnlich-emotionale Erinnerungen an die Hochzeit schwelgen. Bei demenziellen Erkrankungen verliert sich das kognitive Gedächtnis, doch das implizite Gedächtnis bleibt lange bestehen. Das Herz wird nicht dement.

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Würde und Demenz, Teil 2: Es geht um lebendige Beziehung

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Dass alten Menschen der Würdigung bedürfen und dass die Würde in der Altenhilfe ein hohes Gut ist, wird allerorten verkündet. Doch was heißt das konkret? Was beinhaltet es, Menschen mit demenziellen Erkrankungen zu würdigen? Vier kleine Anmerkungen seien erlaubt:

2. Wer altert, verliert Menschen. Durch Krankheit und Gebrechlichkeit, Rückzug und Tod. Eine demenzielle Erkrankung verstärkt diesen Prozess. Menschen mit Demenz neigen zu Rückzug und Vereinsamung. Die Scham über die eigene Vergesslichkeit und Desorientierung, die Peinlichkeit der eigenen Unzulänglichkeiten produziert darüber hinaus das Bestreben, sich weniger zu zeigen, sich nicht mehr zuzumuten.

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Agitiertheit, Teil 2: Agitiertheit bei demenziellen Erkrankungen

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Jede demenzielle Erkrankung beunruhigt. Wer sich nicht mehr mit sich und der Welt zurechtfindet, wird verunsichert, wird „aus der Bahn“ geworfen. Das kann zu agitiertem Verhalten, ja zu Aggressivität führen. In der Unruhe äußert sich meist die Beunruhigung, dass nichts mehr so ist, wie es war. Wenn ein demenziell erkrankter Mensch mehrmals am Tag Menschen nicht wiedererkennt, von denen er spürt, dass er sie kannte, ja kennen sollte, dann ruft das meist Schamgefühle hervor und baut Spannung auf. Diese Spannung kann sich in agitiertem Verhalten entladen.

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Der Diagnoseschock. Wie die Demenz-Diagnose Familienbeziehungen durcheinanderwirbelt und was dann helfen kann, Teil 7: Schuldgefühle

 

 

Wer krank ist, hat oft Schuldgefühle. Schuldgefühle sind häufig die große Schwester der Schamgefühle. Wer eine Demenz-Diagnose hört, hat häufig Schuldgefühle, anderen zur Last zu fallen. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass bei den Menschen Schuldgefühle und Schuld nicht immer zusammengehören. Es gibt viele Menschen, die schuldig sind, aber keine Schuldgefühle haben. Auf der anderen Seite gibt es die Schuldgefühle der Opfer, die sich schuldig fühlen, ohne Schuld zu haben.

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Auch bösartige Menschen werden alt – was tun? Teil 8: Männliche und weibliche Solidarität

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Da meistens Frauen Adressatinnen von Rohheit und Gewalt sind, braucht es männliche Solidarität v. a. für die Opfer sexueller Übergriffe. Wenn ein alter Mensch einer weiblichen Pflegekraft sexuelle Gewalt angetan hat, dann verstehen wir unter professioneller Solidarität, dass ein männlicher Mitarbeiter seine Kollegin unterstützt, zu der gewalttätigen Person hingeht und sagt: „Das machen Sie nie mehr mit meiner Kollegin, nie mehr. Sonst bekommen Sie es mit mir zu tun.“

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Für eine Kultur der Gewaltlosigkeit, Teil 6: Kein Pflegen mit Angst

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Es gehört zu einer Haltung der Solidarität, dass keine Pflegekraft mit Angst pflegen muss. Wenn es pflegebedürftige alte Menschen in einer Einrichtung gibt, die gegenüber einer bestimmten Person aggressiv oder gewalttätig geworden sind, dann muss überlegt und mit der Pflegekraft gesprochen werden, ob sie weiter für die Pflege dieser Person zuständig sein will und kann oder ob dies jemand anders übernehmen sollte. Es gibt auch gewalttätige Menschen, die nur zu zweit gepflegt werden können. Dies ist ein erhöhter Aufwand, der selbstverständlich auch Kosten verursacht, doch lange Krankheitszeiten oder gar Kündigungen und die damit notwendigen Neueinstellungen und Einarbeitungen neuer Pflegekräfte kosten auch und in der Regel viel mehr.

Siehe auch das Buch von:

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer, Gitta Alandt: Wenn alte Menschen aggressiv werden Rat für Pflegende und Angehörige,                                                                                                     BELTZ Verlag, ISBN: 978-3-407-85986-0

Der Diagnoseschock. Wie die Demenz-Diagnose Familienbeziehungen durcheinanderwirbelt und was dann helfen kann Teil 3: Verleugnen, Erstarren, Aktionismus

 

Als Reaktion auf die Demenz-Diagnose begegnen uns vor allem drei häufige Reaktionen, nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen, sondern auch bei Familienangehörigen.

Die erste Reaktion ist das Verleugnen: „Das kann doch nicht sein!“ Oder: „Die müssen sich vertan haben.“ Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, was das Ergebnis der Diagnose ist. Solche Reaktionen kennen wir bei vielen schockartigen Ereignissen, die das Leben der Menschen beeinflussen und ändern können, zum Beispiel wenn ein Partner der Partnerin mitteilt, dass er sie verlassen wird, oder bei anderen Diagnosen wie zum Beispiel der Diagnose Krebs. Das Verleugnen ist kein bewusster Akt, in dem ein Mensch nach Überlegungen zu dem Schluss kommt, dass die Diagnose falsch sein muss. Nein, es ist eine zutiefst leibliche Reaktion, die dem Schock entspringt. Der Schock der Diagnose überfordert den Menschen. Also wird das, was die Diagnose sagt, abgewehrt, indem es in Zweifel gezogen oder ganz geleugnet wird. Das Verleugnen ist also eine Überlebensreaktion.

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Demenz-Code Teil 6: Die neun Arten, Nein zu sagen

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Wegen vieler Nachfragen veröffentlichen wir hier einzelne Elemente des „Demenz-Codes“ von Udo Baer, einem Schlüssel zum Verständnis von Menschen mit Demenz.

Viele Menschen, die an Demenz erkrankt sind, können sich nicht mehr differenziert äußern. Insbesondere das Nein-Sagen fällt ihnen schwer. Dies ist Ausdruck der demenziellen Desorientierungen und Kommunikations-Einschränkungen. Hinzu kommen vor allem bei zahlreichen alten Frauen die soziokulturellen Gewohnheiten. Wer in seinem Leben nie oder selten „Nein“ sagen durfte, wird dies nur schwerlich im hohen Alter bzw. in der Demenz lernen.

Ich werde Ihnen deshalb hier neun Arten, Nein zu sagen, vorstellen. Sie sind im Rahmen der Entschlüsselung des Demenz-Codes bedeutsam. Für die Wahrung der Würde an Demenz erkrankter Menschen brauchen sie das Recht, „Nein“ sagen zu dürfen und zu können. Dazu müssen sie verstanden werden.

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Ein Projekt: Meine Schulzeit

Eine Pflegeeinrichtung in Hessen bereitete eine Ausstellung vor: „Schule früher – meine Schulzeit“. Das Besondere daran: Die Vorbereitung und Durchführung der Ausstellung wurde wesentlich von Angehörigen getragen.

Viele Angehörige wurden einzeln angesprochen, ob sie sich vielleicht an dem Projekt beteiligen wollten. Das Argument war: Es diene der Belebung und Aktivierung der Bewohner/innen (natürlich nur, wenn sie es wollten). Einige Angehörige sagten zu. Sie hatten Interesse und die Mitarbeit minderte bei einigen die Schuldgefühle, dass sie ihre Eltern oder Partner hatten ins Heim geben müssen.

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