Die übersehene Gewalt in den Familien Teil 4: Unterschwellige Aggression: „Mein Auto behalte ich …“

Als stille Gewalt, die so leise daher kommt, dass sie leicht übersehen wird, wird von Angehörigen auch empfunden, wenn ihre gebrechlicher werdenden Eltern, oft im Anfangsstadium der Demenz, nicht bereit sind, ihren Führerschein abzugeben. Die große Angst, dass sie nicht nur sich, sondern auch andere Menschen gefährden, beunruhigt die Töchter oder Söhne oft dauerhaft. Die alten Menschen reagieren mit blankem Unverständnis oder gar Hass auf die Bitte oder Forderung der Kinder – die wiederum verständlicherweise vor dem Schritt zurückscheuen, eine Entmündigung oder ähnliche Schritte zu unternehmen.

In einem im „Süddeutschen Magazin“ veröffentlichten Gespräch mit Maria Furtwängler und Ursula von der Leyen über die Demenz ihrer Väter berichten beide über dieses Problem:

„Furtwängler: Mein Vater … neigte ohnehin zu Jähzorn, und das ist zu Beginn der Krankheit schlimmer geworden, weil er gemerkt hat, bestimmte Dinge gehen nicht mehr. Ganz großes Thema war das Autofahren.

Von der Leyen: Oh, das gab es bei uns auch.

Furtwängler: Da geht es um den Verlust von Autonomie. Und das Autofahren war für ihn immer ganz wichtig, jederzeit überallhin zu können. Und zwar sauseschnell.

Von der Leyen: Menschen aus unserem Ort riefen mich an und sagten: Er ist mir gestern in die Stoßstange gefahren und war ganz verwirrt. Dann habe ich etwas versucht, was wohl alle Angehörigen versuchen, nämlich an seine Vernunft zu appellieren, dass er nicht mehr fahren könne. Aber da bin ich einfach aufgelaufen. Er hat immer gesagt, das lasse er nicht zu, dass ich mich da reinmische.

Furtwängler: Mein Vater wollte bei der Polizei anrufen und den Führerschein einfach noch mal machen.

Von der Leyen: Eines Tages sagte mir jemand beim TÜV, ‚ab einem bestimmten Punkt müssen Sie den Schlüssel verstecken, sonst kommt noch jemand zu Schaden. Sie sind jetzt verantwortlich’. Diesem Rat bin ich irgendwann gefolgt. Es gab fürchterliche Auseinandersetzungen über Wochen.“ (Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 28 v. 12.7.2013, S. 22)

Nach unsere Vermutung hängt die oftmals verzweifelte Hartnäckigkeit der jetzigen Generation alter Menschen, an ihrem Führerschein festzuhalten, zum einen mit den Kriegserfahrungen zusammen: Sie wollen fliehen können und hingelangen, wohin  sie wollen. Sie haben oft die Erfahrung gemacht, dass Fahrzeuge und Mobilität die Flucht ermöglichten und lebensrettend waren. Zum anderen wurde der Wiederaufbau, der wachsende Wohlstand, das „Wirtschaftswunder“ und der damit verbundene Status der Familie oft daran festgemacht, dass man sich ein Auto leisten konnte. Wir Autor/innen erinnern uns gut an den Stolz und die Freude unserer Eltern, die wir als Kinder in den 50 er und 60er Jahren miterleben durften, als sie mit dem ersten Auto vorfahren konnten.

Ein erfolgversprechender Schritt aus der Hilflosigkeit pflegender Angehöriger in Bezug auf diese im Grunde lebensbedrohende Situation kann darin bestehen, einen Menschen, der für die alten Menschen Autorität verkörpert, zu bitten, Einfluss zu nehmen: einen vertrauten Arzt, den Pfarrer oder Priester, das geliebte Enkelkind … So dass man zumindest alles versucht hat, bevor man die radikalen Schritte wie oben beschrieben tun muss.

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer, Gitta Alandt: Wenn alte Menschen aggressiv werden Rat für Pflegende und Angehörige,                                                                                                           BELTZ Verlag, ISBN: 978-3-407-85986-0

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und der Semnos-Fachschule für Heilpädagogik (hier ebenfalls Lehrer), Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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