Handreichungen und Hilfen für Fachkräfte
Wer Menschen mit Demenz und deren Angehörige begleitet, begleitet trauernde Menschen. Sie trauern um das, was sie verloren geht: Fähigkeiten, Erinnerungen, Möglichkeiten der Begegnung. Deswegen ist es sinnvoll, über Sinn und Besonderheiten des Gefühls des Trauerns Bescheid zu wissen und Wege zu kennen, wie mit trauernden Menschen professionell umgegangen werden kann. Darüber will ich in diesem Beitrag informieren.
Ausstellungseröffnung „Trost 45“ am 04.05.2015 in Duisburg – Rede Udo Baer
Sehr geehrte Damen und Herren,
Danke, dass Sie da sind. Ich freue mich sehr. Und ich freue mich sehr, dass das Thema „Trost 1945“ eine große Resonanz, ein großes Echo gefunden hat. Wenn ich abends den Fernseher anmache, dann finde ich Schreckensbilder über Schreckensbilder. Es gibt die ganzen Erinnerungsfilme, die Dokumentationen, es gibt den aktuellen Schrecken aus Syrien, aus Nepal, von überall her und mir ist das manchmal zu viel. Mir ist das manchmal zu viel, so wie es vielen Menschen, die diesen Schrecken erleben und erleben mussten, auch zu viel ist. Und doch ist es wichtig, sich daran zu erinnern. Ich finde es wichtig, sich an den Holocaust, an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern. Ich finde es wichtig, sich zu erinnern an die vielen Leiden, die die Menschen erleben mussten, in Deutschland, in ganz Europa, in der ganzen Welt, und die sie in manchen Gegenden Europas und der Welt immer noch erleiden müssen. Weil diese Erinnerung ist ja nicht
dazu da, dass wir in irgendwelchen Archiven kramen, sondern sie ist dazu da, dass wir gemeinsam etwas dafür tun, so gut wir können, dass sich dieses Leiden nicht wieder wiederholt. Dafür ist es da.
TROST 45
Ausstellungsprojekt: Kriegsende vor 70 Jahren – Was tröstete, was tröstet mich?
Im Rahmen des Projektes „Alter und Trauma“ hat das Institut für soziale Innovationen (ISI) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Gerontopsychiatrie (IGP) eine Ausstellung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945 organisiert.
Sie zeigt gemalte Bilder, fotografierte Objekte oder vergrößerte kurze Texte von alten Menschen, in denen sie ausdrücken, was für sie in den Kriegs- und Nachkriegszeiten Trost war und vielleicht heute noch ist.
Die Ausstellung Trost 45 ist noch bis zum 22.02.2016 in Minden zu sehen. Alle aktuellen und folgenden Ausstellungsorte finden Sie auf www.soziale-innovationen.de.
Einen Artikel zur Ausstellung ist in der Rheinischen Post erschienen:
Der Mutige im Apfelbaum
(der Name des Bewohners wurde geändert)
Achim Sinn ist 45 Jahre alt und an Alzheimer erkrankt. Es macht ihm sehr zu schaffen, dass er in diesem Alter schon diese Erkrankung hat. In den Morgenstunden hat er sehr mit seinen depressiven Stimmungen zu kämpfen und möchte am liebsten gar nicht aus seinem Zimmer kommen.
Die Leitung der Einrichtung stellte mich eines Morgens Herrn Sinn als Kunsttherapeutin vor und er erzählte mir sofort, dass er in jungen Jahren als Künstler tätig war. Nach einer Weile entschieden wir uns einen gemeinsamen Spaziergang zu machen und lernten uns kennen. Er erzählte mir viel über lustige Erlebnisse seiner Kindheit, wir lachten zusammen und fachsimpelten bis wir uns gemeinsam auf eine Bank in die Sonne setzten. Immer wieder erzählte er mir davon, dass er als Kind mit seinen Kumpels durch die Siedlung strich und bei einem Bauer die Äpfel vom Baum klaute. „Das waren die Leckersten, aber wir mussten immer gut aufpassen, dass wir nicht erwischt wurden. Ich habe als Kind stark gestottert und wurde oft gehänselt. Dafür war ich aber immer der Mutigste von uns. Ich bin nämlich auf den Baum geklettert, weil meine Kumpels zu feige waren. Aber geteilt habe ich dann trotzdem mit ihnen!“ Jedes Mal, wenn er mir diese Geschichte erzählte, sah ich einen glänzenden Stolz in seinen Augen und erlebte ihn aufgerichtet.
…..jede Richtung hat ein Ziel oder zumindest die Absicht
ein Ziel anzustreben.
…..jedes Gerichtetsein braucht einen Ausgangspunkt.
Dieser Ausgangspunkt ist der Zentrale Raum.
Alles ist hilfreich, was die Fähigkeit des Gerichtetseins
bewahrt und stärkt.
aus „Innenwelten der Demenz“ von Udo Baer

Heute habe ich nichts gemacht.
Aber viele Dinge geschahen in mir.
Vögel, die es nicht gibt,
fanden ihr Nest.
Schatten, die womöglich da sind,
erreichten ihre Körper.
Wörter, die existieren,
erlangten ihre Stille wieder.
Nichts zu tun,
rettet manchmal das Gleichgewicht der Welt,
indem es erreicht, dass auch etwas Gewicht hat
auf der leeren Schale der Waage.
Roberto Juarroz
Wenn Frau Holle tanzt und die Hexe erzählt
Nele Langeheine arbeitet seit langem mit Märchen in der Beleitung demenziell erkrankter Menschen. In einem Vortrag in Hamburg berichtet sie über ihre Erfahrungen.
Einleitung:
Sehr geehrte Damen und Herren, lassen sie mich meinen Vortrag beginnen mit einem Märchen:
Der goldene Schlüssel
Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müsste auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. „Wenn der Schlüssel nur passt!“ dachte er. „Es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen.“ Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.
Anleitung:
Auf Ihren Plätzen liegt jeweils 1 Postkarte und 1 Stift.
Malen Sie doch einmal das Kästchen, so wie Sie es sich vorstellen: Wie sieht es aus?
Und auf die Rückseite schreiben Sie einmal auf, was wohl in diesem Kästchen für kostbare Dinge liegen. Tauschen Sie sich kurz mit der Nachbarin/dem Nachbarn aus.
Ich bin überzeugt, dass jetzt so viele unterschiedliche Kästchen und Vorstellungen hier im Raum sind, wie Zuhörer und Zuhörerinnen. Sie haben sich das Märchen bildlich vorgestellt
Deutlich wurde, dass jeder von Ihnen ein ganz persönliches Bild, ein eigenes Erleben von diesem kurzen Märchen hat.
Das ABC der Gefühle und die Demenz
Ein Beitrag, wie das ABC der Gefühle für die Begleitung von Menschen mit Demenz wichtig ist.
Manche Gefühle mögen wir Menschen: zum Beispiel die Liebe, die Freude, das Interesse. Andere wollen wir nicht: etwa die Hilflosigkeit, den Ekel, die Scham. Doch alle Gefühle haben ihren Sinn. Sie sind nützlich, damit wir uns in unserer Welt spontan zurechtfinden, und regeln wesentlich unsere Beziehungen zu anderen Menschen.
Für Menschen, die an Demenz erkranken, verändert sich nicht nur die kognitive Orientierung, sondern ihre gesamte Gefühlswelt. Deshalb werden wir uns in diesem Beitrag mit den Besonderheiten der Gefühle und ihrer Veränderungen in der Demenz beschäftigen. Wir werden einige Gefühle exemplarisch aus der Perspektive eines Menschen mit Demenz betrachten. Damit wollen wir nicht so vermessen sein, anzunehmen, dass dieses Erleben für alle gleichermaßen gelten würde. Es sind unsere Erfahrungen in der Begegnung mit Menschen mit Demenz, die wir zusammenfassen. Anschließend stellen wir einige Kernregeln der Grammatik der Gefühle, wie wir sie erschlossen haben, vor und erläutern, welche Bedeutung sie in der Begleitung von Menschen mit Demenz haben.
Lesen Sie den ganzen Artikel hier: Das ABC der Gefühle und die Demenz
Quelle: Baer, Udo; Frick-Baer, Gabriele (2013) Das ABC der Gefühle und die Demenz. In Demenz. Das Magazin. Heft 16. Hannover.
Erfahrungen in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz und Alzheimer: Tanzende Melodie
(Name der Bewohnerin wurde geändert)
Elsa Schön ist in der Demenz schon sehr weit fortgeschritten. Sie wirkt meist sehr angespannt und in der Körperhaltung sehr verkrampft. Sie sitzt im Rollstuhl und kann nur noch über Laute auf sich aufmerksam machen. Das Lautieren ist an vielen Tagen so stark, dass sich andere Bewohner davon gestört fühlen und dieses auch genervt kund tun. Frau Schön wird dann manchmal in ihr Zimmer gebracht, um auch für sie eine reizarme und entspannende Atmosphäre zu schaffen.
Wenn ich mich zu Frau Schön setze, klingen in mir Sätze an, wie: Hör mir zu! Ich brauche jemanden, der mit mir spricht! – Ich wollte mit ihr sprechen und war neugierig auf das, was sie mir vielleicht erzählen wird.
Das Maß der Angst (Angst 5)
Oft wird von Kindern wie von Erwachsenen gesagt, dass ein „bisschen Angst“ okay sei, aber zu viel Angst falsch und gefährlich. Man müsse das „richtige Maß“ finden. Die Frage nach dem „Maß der Angst“ beschäftigt viele Menschen und deswegen ist es sinnvoll, darüber ein wenig nachzudenken.
Angst und die Fremden (Angst 4)
Die Angst vieler Menschen macht sich gegenwärtig an denen fest, die als „Fremde“ bezeichnet werden. Das sind Menschen, die als Flüchtlinge oder andere Migrant/innen nach Deutschland gekommen sind, Menschen anderer Sprache, anderer Hautfarbe, anderer Religion. Dazu werden von manchen auch die Täter von Paris gezählt – alle sind „Fremde“, die bedrohlich wirken. Gegen solche Gleichsetzungen hilft Aufklärung, hilft die Information, dass die meisten Täter von Paris Franzosen oder Belgier waren und dass die meisten Flüchtlinge gerade vor der IS und anderen Terroristen nach Deutschland geflohen sind.